Anbei ein paar zusammenhangslose Prosaskizzen, geschrieben von mir in den letzten Wochen und Monaten:
“Die Sprache gab mir einen Halt, eine vertrauenswürdige Orientierung. Ununterbrochen übte ich und ich begann damit, mich aus der Welt herauszuschreiben. In der Bahnhofshalle und in den Einkaufsstraßen las ich Bücher, Magazine, Anzeigen und Hinweise. Auch lauschte ich dort den Einheimischen und nahm den Klang ihrer Sprache in mir auf. Meine Arbeit in den ersten Wochen nach der Flucht bestand darin, den fremden Worthülsen eine Bedeutung zuzuordnen. Ich versuchte dabei, neue Bilder und Zeichen in mir wachsen zu lassen, die ich aus der Tiefe der verwinkelten und mir bisher verschlossenen Stadt griff. Meine Muttersprache war vom Krieg gezeichnet. Sie hatte Furchen und Risse bekommen, hatte sich in leblose Gewänder des Mordens und der Heimatlosigkeit, der Flucht verwandelt.”
“Mein altes Ich wurde zu einem Artefakt, einem Fremdkörper in mir selbst, den ich langsam abstieß und der auskühlte. Doch nun fühlte ich schon seit Wochen, wie er langsam aus mir hervorbrach, die sprachliche Ordnung verwirbelte und in seiner Natur mein gewolltes, künstliches Ich zertrümmerte und das Verdrängte freigab. Meiner eigenen Ohnmacht hatte ich nur die Sprache entgegenzusetzen.”
“Morgens sehe ich meine Nachbarn, diese ausgehöhlten Gestalten. Während ich von der Nachtschicht komme und die Bushaltestelle verlasse, bringen sie ihr Pfand weg und stecken neue Flaschen in die klebrige Plastiktasche. Sie sind Frühaufsteher, das muss man ihnen lassen. Früh kommt der Durst und erstreckt sich plätschernd bis nach Mitternacht. Dann wird die Musikanlage aufgerissen und Töpfe scheppern im Waschbecken. Zitterig stelle ich mir die Hände vor, wie sie hektisch Fertiggerichte kochen. Ihre Pampe essen sie nur zur Hälfte auf und trinken sich dann in den Schlaf, während die Fernsehbilder bei voller Lautstärke über den klebrigen Tisch und den sumpfigen Teppich kleckern. Bilder, die ihnen ein Zeugnis von einer Welt geben, aus der sich herausgetrunken haben. Sie sind ausgestiegen aus dem täglichen Karussell, ihr Feierabendbier dauert schon zu lange.”

