Bild: Joseph Hart, sxc.hu, Creative Commons Lizenz

Anbei ein paar zusammenhangslose Prosaskizzen, geschrieben von mir in den letzten Wochen und Monaten:

“Die Sprache gab mir einen Halt, eine vertrauenswürdige Orientierung. Ununterbrochen übte ich und ich begann damit, mich aus der Welt herauszuschreiben. In der Bahnhofshalle und in den Einkaufsstraßen las ich Bücher, Magazine, Anzeigen und Hinweise. Auch lauschte ich dort den Einheimischen und nahm den Klang ihrer Sprache in mir auf. Meine Arbeit in den ersten Wochen nach der Flucht bestand darin, den fremden Worthülsen eine Bedeutung zuzuordnen. Ich versuchte dabei, neue Bilder und Zeichen in mir wachsen zu lassen, die ich aus der Tiefe der verwinkelten und mir bisher verschlossenen Stadt griff. Meine Muttersprache war vom Krieg gezeichnet. Sie hatte Furchen und Risse bekommen, hatte sich in leblose Gewänder des Mordens und der Heimatlosigkeit, der Flucht verwandelt.”

“Mein altes Ich wurde zu einem Artefakt, einem Fremdkörper in mir selbst, den ich langsam abstieß und der auskühlte. Doch nun fühlte ich schon seit Wochen, wie er langsam aus mir hervorbrach, die sprachliche Ordnung verwirbelte und in seiner Natur mein gewolltes, künstliches Ich zertrümmerte und das Verdrängte freigab. Meiner eigenen Ohnmacht hatte ich nur die Sprache entgegenzusetzen.”

“Morgens sehe ich meine Nachbarn, diese ausgehöhlten Gestalten. Während ich von der Nachtschicht komme und die Bushaltestelle verlasse, bringen sie ihr Pfand weg und stecken neue Flaschen in die klebrige Plastiktasche. Sie sind Frühaufsteher, das muss man ihnen lassen. Früh kommt der Durst und erstreckt sich plätschernd bis nach Mitternacht. Dann wird die Musikanlage aufgerissen und Töpfe scheppern im Waschbecken. Zitterig stelle ich mir die Hände vor, wie sie hektisch Fertiggerichte kochen. Ihre Pampe essen sie nur zur Hälfte auf und trinken sich dann in den Schlaf, während die Fernsehbilder bei voller Lautstärke über den klebrigen Tisch und den sumpfigen Teppich kleckern. Bilder, die ihnen ein Zeugnis von einer Welt geben, aus der sich herausgetrunken haben. Sie sind ausgestiegen aus dem täglichen Karussell, ihr Feierabendbier dauert schon zu lange.”


Bild: Meuselwitz und seine Hauptgebäude um 1800, Täubert (Zeichner), Public Domain

Seit einigen Wochen nun schon bin ich mit Wolfgang Hilbig beschäftigt. Zuerst war da seine Prosa, dann kamen seine Gedichte über die alte Landschaft der DDR, über verlassene Fabrikanlagen, über die Stasi, über ein schattenhaftes Dasein in Kellerwohnungen des geteilten Berlins, über das wahnhafte Schreiben und Leben im eigenen Kopf. Wenig später erfuhr ich dann, dass er nur 100km von hier in Meuselwitz geboren wurde. Dort lief er umher, schlenderte durch die Landschaft, kritzelte Beobachtungen, Gefühle und Geräusche auf einen kleinen Block, den er in seiner Brusttasche verbarg und behütete. Für Hilbig gab es nur Ruinen und die Ästhetik des Verlassenen. Öffentliches Vorlesen konnte er nicht, da bekam er Schweißausbrüche und fing an zu Zittern. 2007 starb er. Mit Natascha Wodin hinterließ er eine wütende Frau. Eine Frau, die nie etwas von ihrem Mann hatte, da dieser immer nur in seinen Worte steckte. Ich brauche Inspirationen zum Schreiben, also werde ich ebenfalls hinausgehen. Dort in Richtung Meuselwitz wandern, hier in Richtung tschechische Grenze. Ich werde schreiben und vielleicht draußen übernachten. Allerdings habe ich kaum Ausrüstung. Ich brauche neue Wanderstiefel und auf www.otto.de gibt es Reisegepäck. Dort werde ich mir wohl ein paar Sachen zusammensuchen. Dann geht es los und ich werde den Geist einer verlassenen Landschaft festhalten.


Im Internet gibt es so gut wie alles. Es quillt fast über vor Informationen, Bildern, Blogs, Tweets usw., aber gibt es eigentlich gute Seiten für neue Literatur? Kritiken auf hohem Niveau wie in der FAZ oder der SZ? Bestenlisten abseits des Spiegels? Hier ist meine persönliche Auswahl an alltäglichen Informationsquellen:

Perlentaucher

Literaturcafé

SZ Literatur im Internet

ZEIT – Literatur

Berliner Zimmer

Deutschlandradio Literatur

SWR Bestenliste